Agile Coaching remote – Podcast und Interview mit Jan Konopka und Victor Wenzel

Eines der Schlüsselprinzipien des Agilen Managements ist die persönliche Kommunikation. „Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.“, so heißt es im Agilen Manifest. Doch dieses Prinzip ist spätestens seit der Corona-Krise nicht mehr umsetzbar. Remote ist die Zukunft der Arbeit und wird in den nächsten Jahren zum Standard werden, wo es möglich ist. Doch verteilte Teams arbeiten und kommunizieren grundlegend anders als Teams, die an einem Ort zusammen sitzen. Wie wirkt sich dies auf die Arbeit von Coaches und Berater*innen und die Projekte im Unternehmen aus? Eva-Lotte Gnüg spricht dazu mit den Agile Coaches Victor Wenzel und Jan Konopka, die der Meinung sind: Agile Coaching und Agile Management funktioniert auch remote wunderbar. Im Podcast erläutern sie, wie man verteilte Organisationen auch aus der Ferne führt, mit welchen Methoden Agiles Management remote funktioniert und welche Praktiken helfen, trotz unterschiedlicher Arbeitsorte effizient zusammen zu arbeiten.

Hören Sie dazu unseren mgm Podcast Folge #11 oder lesen Sie unten das schriftliche Interview.

Interview

Redaktion: Mein Name ist Eva-Lotte Gnüg und ich spreche heute mit Jan Konopka und Victor Wenzel darüber, wie sich die Arbeit als Agile Coach durch Corona verändert hat und wie sie jetzt noch funktioniert. Victor und Jan, würdet ihr euch bitte noch mal kurz vorstellen?

Victor Wenzel: Sehr gerne. Danke, Eva. Hallo, mein Name ist Victor Wenzel. Ich bin seit über einem Jahr Berater bei mgm consulting partners und im agilen Umfeld tätig. #00:00:32-3#

Jan Konopka: Hallo zusammen auch von mir. Mein Name ist Jan Konopka. Ich bin ebenfalls Berater bei mgm consulting partners und auch mittlerweile seit über fünf Jahren im agilen Bereich tätig, habe dort ebenfalls die verschiedenen Rollen bereits eingenommen und bin derzeit ebenfalls als Agile Coach unterwegs.

Redaktion: Danke euch. Ihr arbeitet beide im E-Commerce-Bereich. Dadurch ist, so wie ich das verstanden habe, eure Arbeit relativ wenig von den aktuellen Corona-Einschränkungen betroffen. Trotzdem die Frage: Hat sich die Situation für euch verändert? Wie läuft es momentan?

Victor Wenzel: Genau, Eva. Danke, dass du es bereits erwähnt hast. Wir sind im E-Commerce-Bereich tätig und die Corona-Krise hat selbstverständlich eher positive Auswirkungen auf den E-Com-Bereich. In Online-Handel Umfeld sich ist die technische Ausstattung in der Regel vorhanden und jeder hat einen Laptop zum Arbeiten. Der Online-Handel hat keinen direkten Kundenkontakt. Und natürlich bestellen in der momentanen Situation die Kunden mehr denn je, weil sie zum Einkaufen nicht in die Läden gehen, sondern über das Internet Sachen bestellen. Von daher sind in diesem Bereich nur positive Auswirkungen, wenn man es so nennen kann, zu betrachten. Allerdings hat sich unsere Arbeitssituation schon verändert. Mit meinem relativ großen, aus drei Ländern bestehenden Team gibt es natürlich die ganz normalen Sprachbarrieren. Wir haben allerdings schon immer Remote gearbeitet. Ich bin jede Woche beim Kunden unterwegs. Allerdings befinden sich vor Ort keine meiner Team-Mitglieder, sondern in Frankreich, in einer anderen deutschen Stadt und in Bulgarien. Von mussten wir das Arbeiten bei uns nicht großartig umstellen, da wir alle bereits durch unsere tägliche Arbeit mit den Remote-Tools Erfahrung haben. Das Einzige, was sich bei uns wirklich geändert hat, ist natürlich die Situation des Homeoffice. Meine Team-Mitglieder sind alle sehr senior. Das heißt, sie haben eine Familie und Kinder im Hintergrund. Und durch die Homeoffice-Situation spielen natürlich andere Faktoren eine sehr, sehr große Rolle wie das Sich-Kümmern um die Kinder sowie natürlich deren Beschäftigung, weil sie natürlich nicht in die Schule oder in den Kindergarten können. Von daher ist das schon ein sehr großer Unterschied zu der alltäglichen Arbeit vor der Corona-Krise.

Redaktion: Das kann ich mir vorstellen. Wie sieht es denn bei dir aus, Jan?

Jan Konopka: Ich betreue derzeit zwei Teams, die sehr unterschiedlich sind. Insgesamt sind die Team-Mitglieder ebenfalls in Gesamteuropa verteilt und an insgesamt fünf Standorten unterwegs. Dementsprechend ist für uns die Remote-Arbeit eigentlich schon das tägliche Brot. Daher sind wir bereits gewohnt, Remote zu arbeiten, und haben die entsprechenden Tools schon lange und für uns als sehr wertstiftend etabliert. Wie gesagt habe ich zwei Teams. Das eine ist rein deutschsprachig und das zweite ein internationales Team. Thematisch unterscheiden sich die Teams ebenfalls sehr. Das eine ist auf Algorithmen spezialisiert und das andere ein typisches Front-and-Back-End-Team. Dementsprechend gibt es dort inhaltlich ebenfalls sehr große Unterschiede, wie man in der Agilität vorgeht. Und natürlich bin ich auch wie bei Victor sehr oft beim Kunden und dort viel unterwegs, da meine Teams ja an fünf verschiedenen Standorten in Europa sind. Normalerweise, das hat sich natürlich jetzt durch die Corona-Krise ein wenig verändert, heißt das, dass wir alle im Homeoffice sind. Daher kämpfen wir auch mit den typischen Problemen wie technische Restriktionen, VPN-Verbindungen und natürlich dem Thema Social Distancing. Da meine Team-Mitglieder in beiden Teams relativ jung sind, haben wir nicht wie bei Victor im Team die typischen Probleme mit Familie, sondern eher, dass man zu wenig Kontakt mit den Kollegen hat. Dementsprechend muss man eher den sozialen Aspekt ein wenig fördern.

Redaktion: Das klingt schwierig. Ihr habt es jetzt beide bereits angesprochen: Könnt ihr vielleicht noch mal ein bisschen genauer auf die Herausforderungen eingehen, die ihr jetzt momentan durch diese Homeoffice-Situation erlebt?

Victor Wenzel: Ja klar, gerne. Was natürlich das Typische ist, man aber sonst auch im normalen Alltag hat, sind die Missverständnisse im Team. Das sind so die typischen Sender-Empfänger-Problematiken, die ebenfalls durch Sprachbarrieren entstehen, wenn man ein internationales Team hat, das mit sehr vielen verschiedenen Dialekten im Englischen zusammengestellt ist. Das heißt, da kann es hin und wieder zu Missverständnissen kommen und man muss immer wieder nachfragen und schauen, dass man den Problemen oder Aussagen dann tatsächlich auf den Grund geht. Das zweite ist, dass wir bei uns in den Teams Working Principles etabliert oder uns darauf committed haben. Das ist die Art und Weise, wie wir im Team miteinander umgehen und vor allem die Remote-Richtlinien durchsetzen wollen. Das heißt, dass wir einander aussprechen lassen und einem nicht ins Wort fallen, dass wir im Videocall, wenn möglich, die Kamera einschalten, wenn die VPN-Verbindung dies zulässt. Und natürlich ein ganz anderer, wichtiger Punkt um die Motivation im Team hochzuhalten ist, dass wir die sozialen Aspekte im Team nicht vernachlässigen.

Jan Konopka: Ich würde noch etwas hinzufügen: Neben den genannten technischen Problematiken von Jan, spielt natürlich in Teams, die Familie haben oder auch Partner, eine sehr große Rolle, dass das Homeoffice mehr umfasst als nur das reine Arbeiten. Es ist nicht mehr so: Ich wache morgens auf, dass ich ins Office gehe, meine acht Stunden Fokus auf die Arbeit habe, nicht abgelenkt werde, sondern im Hintergrund sind Kinder, um die man sich natürlich auch kümmern muss. Man muss teilweise den Alltag und Haushalt schmeißen. Und das Alles unter einen Hut zu bringen, ist eine sehr, sehr große Herausforderung. Die angesprochenen, nicht mehr fixen Arbeitszeiten und die Routine fehlen. Die Team-Mitglieder müssen sich wieder eine eigene Routine schaffen. Da sind natürlich auch Pausen sehr, sehr wichtig, sodass man diese Routine im Alltag beibehält, weil im Homeoffice die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass man die Zeiten ein bisschen mehr vergisst und man denkt: Ich kann jetzt immer noch was machen. Aber es ist enorm wichtig, dass man Pausen einhält, würde ich behaupten, um auch die Über- beziehungsweise Unterbelastung in Grenzen zu halten beziehungsweise einzudämmen.

Redaktion: Da kann ich mir vorstellen, dass dies sehr individuell ist. Und ihr habt da ja auch wirklich unterschiedliche Teams. Das ist sehr spannend. Was habt ihr denn in den letzten Wochen oder bei euch vielleicht jetzt auch schon länger, wenn ihr schon länger Remote arbeitet, für Erfolgsfaktoren herausgefunden, um gut Remote zu arbeiten, aber möglicherweise auch in dieser Homeoffice-Zeit gut Remote arbeiten zu können?

Victor Wenzel: Ich würde da differenzieren zwischen Remote-Arbeiten. Jan und ich haben ja bereits dargelegt, dass wir auch vor der Corona-Krise eigentlich regelmäßig beziehungsweise ständig Remote gearbeitet haben, allerdings mit diesem Office-Gedanken beziehungsweise in dieser Office-Umgebung. Ich würde gerne lieber auf die momentane Situation des Homeoffice eingehen. Einer der Leitsätze des agilen Manifests besagt ja: Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge. Und ich spreche, glaube ich, für Jan und mich, dass dieser Leitsatz in der momentanen Situation enorm wichtig ist, denn jeder Mensch ist ein eigenes Individuum und hat eigene Bedürfnisse. Jeder arbeitet zu unterschiedlichen Zeiten effektiver. Wenn man nun auch noch die Lage der Kinder hinzuzieht, dass man im Team tatsächlich Agreements schafft, dass zum Beispiel Mütter oder Väter vormittags nicht arbeiten, dafür erst um zwölf Uhr anfangen und dann länger arbeiten, damit sie sich vormittags und der Partner dann nachmittags um die Kinder kümmern kann. Man muss wirklich auf den Menschen eingehen. Prozesse und Erfolge sind natürlich extrem wichtig. Aber diese Erfolge von den Projekten her können nur erzielt werden, wenn der Mensch funktioniert. Und ein Mensch in der jetzigen Zeit des Homeoffice, wie gesagt spreche ich jetzt von Familien, funktioniert nur, wenn die Dinge im Hinterkopf wie: Sind meine Kinder glücklich? Nerven meine Kinder, weil ich ihnen keine Aufmerksamkeit schenke? Wenn diese Punkte mit Zufriedenheit im Kopf abgehakt werden können, kann man auch effektiv von zu Hause aus arbeiten, weil man keine Gedanken im Hinterkopf hat, die einen ablenken. Ein weiterer Aspekt ist natürlich, dass Vertrauen den Team-Mitgliedern gegenüber sehr, sehr wichtig ist. Durch die Flexibilität „Ihr könnt morgens nicht arbeiten, dafür arbeitet ihr dann länger“, schafft man den Team-Mitgliedern Freiräume, die ihnen auch zeigen: Ich werde hier wertgeschätzt, auf mich wird eingegangen, meine Probleme werden erkannt und akzeptiert und es werden passende Lösungen gefunden. Man wird nicht zu irgendetwas gezwungen, von wegen: Nein, die normalen Arbeitszeiten sind von 8 bis 17 Uhr oder 18 Uhr, in dieser Zeit müsst ihr da sein. Sondern es werden innerhalb des Teams selbstständig, eigenständig Lösungen gefunden, die jeder akzeptiert. Und jeder wird auf diese Weise zufriedengestellt. Das sind für mich in der momentanen Situation Faktoren, um in der Corona-Krise das Homeoffice bestmöglich umsetzen zu können und natürlich als Team effizient und effektiv zu sein.

Redaktion: Das klingt ja richtig gut bei euch. Ich erlebe das jetzt selber ebenfalls, dass ich im Homeoffice bin, und ich merke auch an mir, dass es schwieriger ist, sich selber zu strukturieren und auch zu motivieren. Wie macht ihr das denn mit euren Teams, dass ihr die Motivation hochhaltet, wenn jeder so individuell im Homeoffice, in Anführungsstrichen, „gefangen“ ist?

Jan Konopka: Da grätsche ich mal rein. Es gibt natürlich verschiedene Konzepte. Das Wichtige ist dabei, dass man immer Team-individuell entscheiden muss, Sachen vorschlagen kann, diese im Team selber ausprobiert und dann schaut, was für das Team am besten funktioniert. Das heißt, in einem Team haben wir jetzt zum Beispiel eine Remote Coffee Break eingerichtet, wo wir sagen: Wir wollen an einem anderen Ort sein als der Arbeitsplatz und uns per Kamera sehen. Das heißt, das machen wir sogar über Facetime, gegebenenfalls auf dem Balkon, mit der Tasse Kaffee oder Tee oder mit einem Wasser und sprechen über andere Themen. Da sind keine Arbeitsthemen, sondern private Sachen erwünscht, sodass man dieses typische Gespräch wie an der Kaffeemaschine erneut aufleben lässt und dort in die Interaktion miteinander kommt. Andere Sachen sind zum Beispiel, einen Remote-Spieleabend zu organisieren. Es gibt tatsächlich sehr viele Internetseiten, die das mittlerweile anbieten, wo man typische Spiele wie beispielsweise Wizard oder sogar Vier Gewinnt oder ähnliches spielen kann, die ein bisschen den Spaßfaktor mit ins Team bringen. Eine andere Sache: In beiden Teams arbeiten wir mit Microsoft Teams und haben dort einen weiteren Chatraum eröffnet, den wir Kaffeeunterhaltungen genannt haben. Dort kann jeder alle möglichen Themen reinposten, Gespräche anfangen, über die er sprechen möchte, oder, oder, oder. Manchmal postet da jemand auch ein gutes Rezept rein, um zu sagen: Hey, das habe ich mir heute Mittag gekocht, hier habt ihr ein Foto, guckt euch das doch mal an. Das hat super geschmeckt und ging superschnell. Auf die Weise hält man den Spirit im Team weiter hoch. Ich habe es aber auch bereits von anderen Teams gehört, dass sie gemeinsam Sport machen, dass sie sich abends verabreden, sich gemeinsam bei Youtube ein Video anschauen und da zusammen Sport machen. Manche kochen auch gemeinsam. Natürlich gab es das auch, dass wir uns abends zusammen auf ein Feierabendbier getroffen und die Woche an einem Freitag gemeinsam ausklingen lassen haben. Wir schauen, dass wir trotz der schwierigen Situation immer einen menschlichen Faktor haben, auch wenn wir komplett getrennt in ganz Europa verteilt sind, müssen wir die Motivation im Team hochhalten. Eine Prämisse gibt es dabei, die man nicht außer Acht lassen darf: Alle Angebote, die man im Team versucht zu etablieren, müssen optional sein. Das heißt, es darf für die Team-Mitglieder nichts Verpflichtendes sein, sondern jedes Team-Mitglied, wie Victor gerade bereits gesagt hat, hat im Homeoffice andere Einflussfaktoren, seien es Kinder oder auch mal andere Meetings oder Veranstaltungen, die er für sich im privaten Rahmen organisiert hat, sei es mal der Call mit der Oma, oder, oder, oder. Deswegen müssen solche Sachen, die zur Motivation beitragen, immer optional sein. Das heißt, es gibt auch Leute oder Team-Mitglieder, die sich da ein bisschen rausziehen, während andere es tatsächlich wertschätzen. Und das ist das Wichtige, dass man da nicht den Muss-Faktor drauflegt, sondern den optionalen Faktor.

Redaktion: Es soll ja keine Extra-Belastung sein, sondern den Spaß reinbringen.

Jan Konopka: Genau so sieht es aus.

Redaktion: Du bist gerade schon auf ein, zwei Tools eingegangen. Könnt ihr da noch mal ein bisschen genauer drauf eingehen? Ihr habt jetzt schon längere Erfahrung mit Remote-Work, welche verschiedenen Dinge könnt ihr da empfehlen?

Victor Wenzel: Sehr gerne. Natürlich kommt es auf den Kunden an. Bei unserem Kunden ist beispielsweise die Einschränkung bezüglich der Nutzung der Tools sehr hoch. Das ist jedoch ganz einfach aus Lizenz- und Datenschutzgründen der Fall. Das wird sicherlich nicht bei allen Kunden der Fall sein. Dennoch gibt es sehr gute Tools für das tägliche Arbeiten mit Remote in Teams. Mein Kollege Jan hat gerade schon das Microsoft Teams als Chat-Funktion, allerdings auch als Videokonferenz-Tool, angesprochen. Daneben gibt es auch noch das Tool WebEx, welches sich auch gut dazu eignet, Videokonferenzen oder Termine mit Hilfe von Videounterstützung zu absolvieren. Ein weiteres Kommunikations-Chat-Tool, um sich ständig austauschen zu können, ist zum Beispiel Rocket.chat oder Jabber. Da gibt es einige Tools. Wie bereits erwähnt kommt es immer darauf an, welche Tools der Kunde nutzt und für welche Tools er eine gewisse Lizenz besitzt. Um noch einmal kurz auf das Motivationsthema einzugehen, über welches Jan gerade berichtet hat: Es gibt noch sehr viele Online-Spiele, die man absolvieren kann, wie zum Beispiel Kahoot. Kahoot ist ein bisschen angelehnt an Quizduell. Man kann interaktiv Fragen stellen und Echtzeit-gemäß innerhalb des Teams abstimmen. Das ist sehr gut geeignet, um mal eine kleine Pause mit einem kleinen Spiel zu erfüllen. Dann, wer kennt es nicht von gewissen Party-Abenden oder Spieleabenden? Scharade. Das ist ebenfalls sehr gut möglich, um das Remote abzuhalten. Man hat einen Pot von Wörtern, von Gegenständen, von Personen, die imaginären Zetteln stehen, die man probieren muss zu erklären, ohne gewisse Wörter zu erraten. Das ist ein bisschen wie Tabu auf der verbalen Ebene. Des Weiteren ist Fibbage ein sehr, sehr gutes Spiel. Da geht es darum: Wer lügt am besten? Welche Lüge wird einem Team-Mitglied am besten abgenommen? Was wir außerdem in unseren Teams eingeführt haben, ist, einmal die Woche ein Funny Daily abzuhalten. Agile Coaches auf der Welt kennen Dailys. Das Daily ist das tägliche Meeting, um das Team von der Arbeit jedes Einzelnen abzuholen, um Abhängigkeiten direkt am Tagesbeginn abzuklären. Wir haben das ein bisschen ummodifiziert, dass man sich in ein Kommunikations-Tool der freien Wahl, welches man verwendet, in unserem Fall WebEx, nicht mit seinem realen Namen einloggt, sondern sich bei einem Funny Daily beispielsweise mit dem Thema Man or Woman of the Year 2019, also des vergangenen Jahres, mit dem Namen dieser ausgewählten Person einloggt. Die anderen Team-Mitglieder müssen dann erraten: Welches Team-Mitglied steckt hinter James Bond oder Dirk Nowitzki oder Angelina Jolie oder ähnlichen? Um die Charaktere der Team-Mitglieder näher kennenzulernen, ist dieses Funny Daily sehr geeignet. Das kommt sehr, sehr gut bei den Teams an. Natürlich wird das Zeitfenster des normalen Dailys deutlich überschritten, das ist dann jedoch in Ordnung und natürlich bewusst so gewählt. Wie schon eingangs erwähnt, verändert dieses Homeoffice-Remote-Arbeiten die ganzen Routinetermine von der Länge und Dauer her. Das ist jedoch vollkommen in Ordnung und man sollte es so akzeptieren, wie es ist.

Redaktion: Spannend. Das Funny Daily klingt wirklich witzig. Ich war bereits selbst als Agile Coach tätig und wichtig für die Arbeit sind zum Beispiel auch diese Meetings zur Verbesserung wie beispielsweise Retrospektiven oder Workshops. Und da profitiert man viel von den einzelnen Meinungen der Team-Mitglieder und man sich gut und ehrlich austauschen kann. Was empfehlt ihr, um diese Dinge Remote gut abhalten zu können? Wie macht ihr das?

Jan Konopka: Wie Victor bereits gesagt hat, ist es bei Retros manchmal sehr davon abhängig, welche Tools beim Kunden erlaubt sind. Wir arbeiten beispielsweise derzeit sehr viel mit (Compliments?) und strukturieren und halten darüber unsere Retros ab. Es gibt jedoch auch andere Tools wie zum Beispiel Retromat und ähnliche weitere Ausführungen davon. Das hängt immer sehr stark vom Kunden ab, weil man in einer Retro mit Daten hausiert, die unternehmenskritisch sein können. Und da muss man immer die Datenschutzrichtlinien des Unternehmens einhalten. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass das Tool, wenn man es im Team neu einsetzt, sehr leicht zu verstehen ist und nicht so viel Zeit benötigt, um es im Team von den Funktionalitäten her zu erklären. Dementsprechend gilt: je einfacher, desto besser. Ich finde es jedoch immer sehr wichtig, dass man auch bei den Retros die Abwechslung hat, sodass man nicht immer die statische, gleiche Retro hat. Damit nicht immer die gleichen Antworten dabei herumkommen, sollte man da ein wenig mit der Kreativität spielen. Bei Workshops, finde ich, ist es ein bisschen anders. Bei den Leit-Workshops vor Ort finde ich vor allem wichtig, dass man die Zeiten an sich kürzer hält, weil die Aufmerksamkeitsspanne nach einer Stunde nachlässt. Das haben wir bei uns in den Teams gemerkt, sodass wir dann sagen: Wir machen jetzt einmal 15 Minuten Pause, jeder kann einmal frische Luft schnappen, sich einen neuen Kaffee holen, auf andere Gedanken kommen. Danach treffen wir uns wieder, sodass man dann wieder voll konzentriert eine Stunde gemeinsam arbeiten kann und voll dabei ist. Eine Schwierigkeit ist dabei, dass man nichts gleichzeitig macht, wie zum Beispiel noch schnell eine andere Mail beantwortet, oder, oder, oder. Dementsprechend finde ich es immer sehr schön, wenn die Kollegen die Kameras anhaben, sodass man sich persönlich sieht. Als Agile Coach hat man natürlich dann zwischendurch auch mal die Aufgabe zu sagen: Hey, bist du wirklich noch da? Passt du auf? Oder man stellt mal eine Zwischenfrage und spricht die Kollegen aktiv an.

Victor Wenzel: Generell kann man sagen, dass das Tool der Kamera bei Remote-Arbeiten ein sehr, sehr starkes Tool des Agile Coaches ist, um die Aufmerksamkeit der Team-Mitglieder zu bekommen. Von daher empfiehlt es sich bei jedem Meeting, sei es ein Einzel-Meeting, ein großer Workshop, eine Retrospektive oder ein Review, immer, die Kamera anhaben. Das ist schon enorm wichtig.

Redaktion: Einzel-Meeting ist ein gutes Stichwort. Wie übernehmt ihr solche Aufgaben des Agile Coaches, die zum Beispiel tatsächlich aus eins-zu-eins-Gesprächen oder teilweise Coaching-Gesprächen bestehen? Als Agile Coach sollte man in der Lage sein oder wäre es schön, wenn man zum Beispiel Probleme im Team erkennen kann. Das ist vielleicht leichter, wenn man vor Ort ist und sieht, wie die Leute miteinander umgehen. Es ist vielleicht ebenfalls einfacher, Dinge privat und persönlich anzusprechen. Wie funktioniert das, wenn man diese Face-to-Face-Gespräche nicht hat? Wie löst ihr das?

Jan Konopka: Also generell finde ich es wichtig, dass man mit jedem Team-Mitglied kontinuierlich eins-zu-eins-Gespräche hat und dort sein Stimmungsbild außerhalb der Gruppe abfragt, um ganz locker ins Gespräch zu kommen. Generell steige ich da immer mit allgemeinen Sachen ein und gehe dann erst auf die Arbeitsthemen und die Stimmung des Kollegen ein. Ich finde jedoch, dass man das relativ schnell merkt, wenn man eine längere Zeit mit den Kollegen zusammenarbeitet. Das Einzige, was wirklich wichtig ist, ist, dass jeder Kollege anders ist und man die kulturellen Hintergründe der Person verstehen muss. Da habe ich aus meinem Kontext und meinen Teams viele Beispiele, die ich da anbringen könnte, aber das lernt man über die Zeit. Wichtig finde ich dabei, dass man Einzelgespräche führt und immer mal wieder die Kollegen fragt, wie es ihnen geht.

Victor Wenzel: Da würde ich noch einmal kurz einhaken. Wie wir eingangs erwähnt haben, arbeiten wir mit unterschiedlichen Teams. Mein Team besteht aus Familienmitgliedern und ich habe herausgefunden, dass es vor allem in der momentanen Situation der Corona-Krise viele Gedanken im Hinterkopf gibt, die teilweise aus menschlichem Aspekt wichtiger sind. Von daher habe ich angefangen, wie Jan gerade angesprochen hat, Einzeltermine zu erstellen und aufzusetzen, dann jedoch relativ schnell gemerkt, auch aus dem Feedback von einzelnen Personen, dass gerade in der momentanen Situation zu viele Meetings störend und nicht effektiv sind. Sie erzielen nicht den Outcome, den man sich vielleicht wünscht, da man sich in der jetzigen Zeit auch auf andere Dinge fokussieren muss. Wie Jan gerade gesagt hat, kommt es von daher immer auf die Person und die Struktur des Teams an. Wie ebenfalls bereits erwähnt, arbeiten wir hier mit Menschen und nicht mit irgendwelchen Prozessen. Man muss auf jeden Menschen individuell eingehen. Der Arbeitsrhythmus sowie die Arbeit an sich verändert sich momentan sehr, sehr stark. Bei täglichen Kaffee-Break-Meetings kann man bereits sehr viel raushören. Und mit einem gewissen Feingefühl, welches man mit der Zeit lernt, kann man bereits einige Störenfriede, selbstverständlich nicht die wirklichen Probleme, raushören, oder man lernt rauszuhören, bei welchem Mitglied der Schuh drückt. Und dann kann man da noch einmal gezielt nachfragen: Wo liegt das Problem? Wo können wir das in irgendeiner Art und Weise optimieren? Wie kann ich dich unterstützen, dass du weniger Druck von der Seite bekommst? Was ich abschließend sagen möchte, ist, dass man mit Menschen arbeitet und das im Fokus liegen sollte. Jeder Mensch ist anders und gerade in der jetzigen Situation mit der Krise im Hinterkopf sollte man verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen eingehen und ab und zu vielleicht ein kleines Äuglein zudrücken.

Redaktion: Spannend. Vielen, vielen Dank euch. Und auch vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Wenn wir Sie da draußen auch neugierig gemacht haben, Sie möglicherweise Fragen zur Umsetzung von Digitalisierung oder Remote Work haben, dann melden Sie sich unter Info@mgm-cp.com, wo wir sehr gerne alle weiteren Fragen beantworten. Wir freuen uns auf jeden Fall, von Ihnen zu hören. Vielen Dank fürs Zuhören und bis bald.

Share